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Über Britten

Jubel in ganz England! Lange hatte die Nation gewartet auf ihren Orpheus Britannicus II, der die Musiktheater-Renaissance nach Henry Purcells Tod endlich einleitet. Ausgehend vom historischen Kontext blicken wir auf Benjamin Brittens Biographie, sein Leben und Wirken im Kontext der Oper „Peter Grimes“.

Dreißig Jahre liebt Britten den Tenor Peter Pears, der Komponist wird ex post zur Galionsfigur einer Schwulenbewegung. Unterdrückte Homosexualität wird zur Triebkraft seiner musikdramatischen Ästhetik, sie schlängelt sich fast unbemerkt durch sein komplettes Schaffen. Auch in seiner Oper „Peter Grimes“ von 1945 kann man sie entdecken. Zuletzt klärt dann der Tenor Peter Marsh, der die Titelpartie Peter Grimes in der Dortmunder Inszenierung singt, ob es neben einem Verdi- und Wagner- auch einen Britten-Tenor gibt. Und welche Fähigkeiten man braucht, um die Rolle des Peter Grimes singen zu können.

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Orpheus Britannicus

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Wir leben im Musikland Deutschland! Von Bach zu Beethoven über Brahms, in jeder Epoche muss der Status des „Genies“ neu vergeben werden, das Publikum verlangt eine solche Hierarchisierung. Manch sensible Zeiten der Musikgeschichte sind gespickt mit Streitereien um die Folge der jeweils ganz ganz Großen.

In England ist man besonders stolz auf zwei große Meister des Musiktheaters: Henry Purcell und Benjamin Britten. Schon zu Lebzeiten wird Purcell als der bedeutendste englische Komponist mit dem Ehrentitel „Orpheus Britannicus“ gewürdigt. Nach ein paar hundert Jahren, in denen Komponisten in ganz Europa fleißig walteten, in England aber eine Durststrecke herrschte, tauchte Benjamin Britten auf, der die nationale Musiktheater-Renaissance endlich einleitete. Da kann es aus sehnsüchtiger englischer Sicht nur einen logischen Schluss geben: Gelobt sei der zweite „Orpheus Britannicus“!

Brittens Leben

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Vorsicht! Leben und Werk eines Künstlers laden uns automatisch dazu ein, dass wir sie aufeinanderlegen, sie eng miteinander verzahnen. Durch Anekdoten und allerlei Geschichtchen wird die Musik für uns einfacher konsumierbar. Wenn ein Komponist düstere Zeiten durchlebt, müssen wir uns aber davor hüten, diese direkt in das Werk hineinzuinterpretieren. Nur allzu oft wurden wir eines Besseren belehrt. Wenn wir durch Zeitleisten und Lebensdaten huschen, sollten wir das beachten.

Homosexualität

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Was für eine unfassbare Würdigung! Im Winter 1976 erhält Peter Pears Post von der Queen. Am 4. Dezember ist Pears‘ Lebensgefährte Benjamin Britten verstorben, dessen Verdienste Elizabeth II. in einem Kondolenzbrief würdigt. Im England der Siebziger ist das ein politisches Statement, erhalten sonst nur die eingetragenen Ehepartner nationaler Persönlichkeiten Kondolenz aus dem Buckingham Palace. Der Brief an Pears ist ein Bekenntnis zur bedingungslosen Akzeptanz der Homosexualität.

Erst zehn Jahre zuvor sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften entkriminalisiert worden, noch ist eine Akzeptanz des Andersartigen in der breiten Gesellschaft weit entfernt. In diesem Klima der Tabuisierung lebt und liebt Britten im Verborgenen. Zwar ist seine Verbindung zu Peter Pears in der Kunstszene bekannt, jedoch wird darüber eher hinter hervorgehaltener Hand getuschelt und das nicht selten bösartig. Akzeptanz findet Britten für seine Kunst, nicht aber für seine Sexualität.

Für seine musikdramatische Ästhetik ist Homoerotik ein prägendes Moment, das sich wiederkehrend durch sein komplettes Œuvre schlängelt, so die Meinung von Ulrich Schreiber in seinem Meilenstein „Opernführer für Fortgeschrittene“. Britten vertont Werke von Autoren wie Michelangelo, Rimbaud, Wilfried Owen oder Auden, die allesamt ihre eigene Homosexualität in den Subtext ihrer Texte eingeflochten haben. Wie kein zweiter Komponist versteht Britten es, seine sexuelle Veranlagung zum ästhetischen Mehrwert heranwachsen zu lassen.

Die von Außen angefeindete Bindung mit Pears sublimiert sich in seiner Kunst, häufig ist Pears Impulsgeber für Überarbeitungen und generelle Fragestellungen bei den Opern Brittens. Für ihre Liebe ist öffentlich kein Platz, weder im heimischen Suffolk noch bei der „Gay-Pride“-Bohème in Kalifornien. Sie flüchten 1939 aus England nach Amerika, 1942 kehrt das Paar enttäuscht und desillusioniert zurück, nicht zuletzt weil sie sich in den USA von den überdrehten Subkulturellen Wystan Hugh Auden und Christopher Isherwood abgestoßen fühlen.
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„I love you“, schmachtet 1973 auch Gustav von Aschenbach dem davoneilenden Jüngling hinterher, nach dem er sich verzehrt. „Death in Venice“, die Vertonung von Thomas Manns „Tod in Venedig“, ist Brittens letzte Oper, Gustav von Aschenbach seine Hauptfigur. Es ist ein öffentliches Bekenntnis, das Coming-out! Erstmals bekennt sich eine Opernfigur Brittens in greifbaren Worten der Homosexualität, in den Werken davor wurde dieser Aspekt angedeutet, verkryptet und versteckt. Diese Entblößung lange unterdrückter Gefühle ist die Krönung seines Lebenswerkes.

Aus dieser Sicht wird auch Peter Grimes in ein anderes Licht getaucht. Die Figur der Ellen Orford, die von Peter Grimes sexuell begehrt wird, sträubt sich auf den ersten Blick gegen die These der unterdrückten Homoerotik. Grimes‘ „Ihr werdet es alle sehen! Ich werde Ellen heiraten!“ ist keineswegs ein Liebesgeständnis, sondern die Sehnsucht nach einer Erlösungsfigur, die ihm gesellschaftliches Ansehen schenken soll. Die Lehrerin Orford, scheinbar entschlossen dazu, Grimes zu ehelichen, fragt im ersten Akt, wer „sich von Schuld so frei fühle, dass er bereit sei, den ersten Stein gegen Peter“ zu werfen. Die religiöse Referenz, die in der Bibel im Kontext eines Ehebruchs fällt, macht klar, worauf Britten zielt: Nicht ein mögliches Gewaltverbrechen, sondern das Abweichen von sexuellen Konventionen ist der Grund dafür, dass die Dorfgemeinschaft Grimes loswerden möchte.

„Je mehr ich davon höre, desto mehr fühle ich, dass die Schwulheit (queerness) unwesentlich ist und wirklich nicht in der Musik existiert“, schreibt Pears am 1. März 1944. Natürlich ist Peter Grimes unendlich weit vom Exhibitionismus der kalifornischen „Gay-Pride“ entfernt, dennoch ist anzunehmen, dass Britten seine eigenen Erfahrungen in der Oper kanalisiert. Fraglich bleibt, ob es einem heterosexuellen Komponisten gelungen wäre, die unausgesprochen bleibende Tragödie eines Schwulen an der Grenze zur Selbstunterdrückung und Selbstkasteiung so genial in den Subtext der Oper zu verweben.

Sicherlich ist es mühselig, darüber zu spekulieren, ob und in wie weit Brittens Homosexualität seine Figuren verändert – doch darüber nachzudenken eröffnet uns einen neuen Blick auf die Figuren. Zu Zeiten der Uraufführung war Peter Grimes an der Küste nicht zu helfen, Gustav von Aschenbach konnte seine Neigungen dreißig Jahre später bekunden. Peter Grimes hingegen ertränkt sich in den Tiefen des Meeres. Völlig stumm.

Britten-Tenor

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Lang lebe der Tenor! Einige der großen Komponisten der Musikgeschichte haben ihren Helden etwas einprägsames, einen äußerst hohen Wiedererkennungswert geschenkt: Dem „Wagner-Tenor“ wird oft Durchhaltevermögen und Durchschlagskraft zugeschrieben, „Verdi-Tenöre“ brauchen Strahlkraft und Höhenaffinität.

Benjamin Britten schrieb seine Opern seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib. Ist so ein spezieller „Britten-Tenor“ entstanden? Ein musikalisches Gespräch mit Peter Marsh, der in Dortmund die Hauptrolle singt.

Peter Marsh: Der Dortmunder Grimes

Fantasy, Thriller und Philosophisches: Wenn sich Peter Marsh gerade nicht auf der Opernbühne mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt – in Purcells „Dido and Aeneas“, Verdis „Falstaff“ oder Wagners „Siegfried“ – dann durchstöbert er in Auftrittspausen seine private Garderobenbibliothek.

Der 1970 in Fredonia (New York) geborene Tenor, studiert zunächst in Portland Musik auf Lehramt und später in Texas Gesang auf Diplom. In Frankfurt bekommt er sein erstes festes Engagement, das bis heute anhält. Dort verkörpert er viele Opernrollen, singt Strauss, Verdi und Wagner, als Mime ist er auch auf CD zu hören. Für Opernproduktionen reist er durch die ganze Welt nach Sevilla, Dresden, Tokio, Hamburg, Barcelona und Berlin.

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Bildernachweise hier

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