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Über uns alle

Benjamin Brittens „Peter Grimes“ wirft Fragen auf, durchwühlt unsere Köpfe, reißt Themen an, die auch in der Gegenwart Relevanz besitzen. Zwei davon greifen wir auf und fragen: Wo finden wir sie wieder, heute, unter uns?

Peter Grimes leidet als Außenseiter unter den kruden Moralvorstellungen der Dorfgemeinschaft. Sie zerdrückt ihn fast, doch er hängt an seiner Heimat. Was ist der Kitt, der uns zu Hause hält?

Ist Peter Grimes pädophil? Diese Frage schwelt in Benjamin Brittens Oper kontinuierlich, doch eindeutig beantwortet wird sie nicht. Britten spielt mit einem Tabu, das bis heute eines geblieben ist.

Heimat

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Peter Grimes weigert sich zu gehen. „I am native, rooted here“, lässt Britten den Fischer erklären. „Ich bin hier geboren und verwurzelt.“ Obwohl er nicht sein kann, wer er ist, obwohl die Dorfgemeinschaft ihn für einen Mörder hält, will Grimes sein Städtchen nicht verlassen.

Auch Rainer Eckert, Historiker und zu DDR-Zeiten Staatsfeind des Regimes, entschied sich entgegen aller Widerstände zum Bleiben. Warum? Ein Gespräch über die bindende Kraft der Heimat.

Die Bindung an das Meer, in dem Peter Grimes am Ende der Oper umkommt, ist stärker als die Ablehnung, die er von Seiten der Dorfgemeinschaft erfährt. Auf Balstrodes Frage, womit er denn verwurzelt sei, nennt Grimes nicht Kindheit, Jugend oder Elternhaus. Stattdessen nimmt er Bezug auf die Natur: vertraute Felder, die Marsch, der Strand und der Wind.

Pädophilie

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Gegenüber kaum einer anderen Randgruppe formiert sich gesellschaftlich eine so eindeutige Konsensposition wie gegenüber Pädophilen: Kranke Schweine sind das! Perverse! Doch hinter der Pädophilie steckt ein komplexes Krankheitsbild. Und es gibt längst Möglichkeiten, ihr präventiv zu begegnen.

Mit einem hymnisch-banalen Absatz stößt die Hauptfigur Humbert Humbert in Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ die Pforte zu seiner Erkenntniswelt auf.

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Es ist die Geschichte eines Pädophilen, der die Vorgänge zwischen sich und dem Mädchen Lolita aus eigener Sicht seziert und eine ungewohnt intime und offene Auseinandersetzung mit dem Thema Pädophilie. So explizit wie Nabokov wird Benjamin Britten in „Peter Grimes“ nie. Doch auch die Figur des Fischers Grimes provoziert. Schnell drängen sich Mutmaßungen auf: Ist Grimes pädophil? Was geschieht mit den Jungen?

Offen über eine pädophile Neigung zu sprechen, war zu Brittens Lebzeiten unmöglich und ist es bis heute. Pädophilie ist ein No-Go-Thema, hat Zündstoffcharakter, wird quer durch alle gesellschaftlichen Schichten tabuisiert. Die wenigen offenen Diskussionen sind geprägt von Stammtischparolen und Halbwissen.

Was ist Pädophilie?

Personen mit einer Pädophilie fühlen sich sexuell von Kindern mit einem vorpubertären Körper angesprochen, im Allgemeinen sind die Kinder nicht älter als elf Jahre. Dann fehlen ihnen noch Schambehaarung und Achselbehaarung und die Geschlechtsorgane sind sehr klein. Erwachsene, die sich sexuell von Kindern und Jugendlichen angezogen fühlen, deren körperliche Entwicklung bereits Merkmale der Pubertät aufweist, sind hebephil. „Für mich ist die Unterscheidung in Pädophilie und Hebephilie im Berufsalltag meist Nebensache, wenn auch die genaue Definition natürlich wichtig ist“, sagt der Sozialarbeiter und Pychotherapeut Uwe Lohse von der Beratungsstelle man-o-mann in Bielefeld. „Nur mache ich in meiner Arbeit da selten Unterschiede, weil ich bei Beidem therapeutisch eingreifen muss.“

Wie verbreitet ist Pädophilie?

Die Häufigkeit des Auftretens von Pädophilie ist unbekannt. In aktuellen sexualwissenschaftlichen Untersuchungen an männlichen Probanden aus der Allgemeinbevölkerung gaben zwischen 4.1 und 9.5 Prozent der Befragten an, schon einmal sexuelle Fantasien mit Kindern gehabt zu haben. Zwischen 3.2 und 3.8 Prozent der Befragten berichteten sogar von sexuellem Verhalten mit Kindern.

Da jedoch in vielen Studien die Intensität und Dauerhaftigkeit dieser sexuellen Fantasien oder Verhaltensweisen nicht untersucht wurde, lässt sich daraus nur schwer das Vorkommen von pädophilen Neigungen im Sinne einer klinisch diagnostizierbaren Pädophilie in der Bevölkerung schätzen. Die Häufigkeit wird – bislang erhobenen Daten zufolge – auf bis zu 1% der männlichen Bevölkerung geschätzt. Eine Pädophilie wird dabei fast ausschließlich bei Männern diagnostiziert, betroffene Frauen sind nur wenige bekannt.

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Was kann man gegen Pädophilie tun?

Die Aussagen dazu sind widersprüchlich. Vielen gilt Pädophilie, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Störung mit Krankheitswert klassifiziert, als unheilbar. Man muss nicht lange googeln, um Seiten zu finden, auf denen Präventionsnetzwerke beschimpft werden, weil sie mit potenziellen Tätern arbeiten, weil sie „Pädos verstehen“, statt sich um die Opfer zu kümmern.

Gleichzeitig ist der therapeutische Bereich in den vergangenen Jahren gewachsen. In Nordrhein- Westfalen gibt es heute zehn Beratungsstellen. Das größte, bundesweite Projekt ist das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden„, das 2005 von der Charité Berlin initiiert wurde. Es richtet sich an Menschen, die sexuelle Fantasien mit Kindern haben, befürchten, sexuelle Übergriffe zu begehen, und therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Bei „Kein Täter werden“ sollen die Klienten aus freien Stücken in die Therapie kommen, das Problembewusstsein ist entscheidend. Das Ziel der Therapie ist eindeutig definiert: Opferschutz durch Vorbeugung. Der Weg dahin: Verhaltenskontrolle, ein Leben lang.

Mittlerweile hat das Netzwerk elf Standorte in ganz Deutschland. „Ziel ist es, ein bundesweit flächendeckendes therpeutisches Angebot zu etablieren“, so Jens Wagner, Pressesprecher der Charité. Die Arbeit von “Kein Täter werden” ähnelt der von Uwe Lohse bei man-o-mann. „Im Rahmen der Therapie erhalten die betroffenen Personen Unterstützung, um sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von Kinderpornografie zu verhindern“, erklärt Jens Wagner.

Anders als „Kein Täter werden“, die nur Menschen betreuen, die noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten sind oder ihre Strafe bereits vollends verbüßt haben, behandelt man-o-mann auch Täter, die sich in einem schwebenden Verfahren befinden. Aktuell sind dort drei Straftäter in Betreuung.

„Bei den ersten Gesprächen mit Klienten muss und will ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen, dass häufig erschüttert wurde“, erklärt Uwe Lohse. „Ich versuche Dinge, Begriffe hier sehr deutlich zu benennen und es wird klar, dass dieses Thema für mich kein Tabu ist.“ Im Anschluss wird klar gemacht, welche Auswirkungen die Taten auf das Opfer haben. Der Täter soll sich in ein Kind hinein versetzen können, um zu verhindern, dass er übergriffig wird.

Wie muss Pädophilie von Kindesmissbrauch abgetrennt werden?

Ganz einfach: Pädophilie steht nicht im Strafgesetzbuch. Sexueller Kindesmissbrauch sehr wohl. Viele Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, bestreiten ihr Leben, ohne sich an Kindern zu vergreifen. Eine pädophile Neigung kann der Grund für einen sexuellen Missbrauch sein, ist aber bei weitem nicht der einzige. Der weitaus größere Teil der Täter hat eigentlich die sexuelle Prävalenz zu Erwachsenen.
„Wir sprechen hier von pädophilen Nebenströmungen“, sagt Uwe Lohse. Betroffene haben erwachsene Partner, erlangen in den Beziehungen aus unterschiedlichen Gründen aber keine sexuelle Bedürfnisbefriedigung. Manche kompensieren das in Alkoholismus oder Arbeitswut – andere dadurch, dass sie auf Kinder „ausweichen“.

Der größte Anteil sexueller Übergriffe an Kindern und Jugendlichen ist polizeilich nicht bekannnt, sie geschehen im polizeilich nicht erfassten „Dunkelfeld“. Der Anteil dieser Taten ist um ein Vielfaches höher: Schätzungen zufolge mindestens achtmal so hoch wie bekannte und geahndete Taten.

Was wünscht sich der Experte?

Uwe Lohse nimmt die Gesellschaft in die Pflicht: „Der Souverän der Gesellschaft sollte sich gerade bei Tabuthemen kundiger machen und versuchen Dinge nachzuvollziehen“, sagt er. „Natürlich geht es immer um sekundäre Prävention, aber es geht auch um Hilfe für die Täter.“

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Bildernachweise hier

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