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Über Dortmund

Was für eine sonderbare Welt! Im Biotop der Klassischen Musik, diesem scheinbaren Hort der Individualität, sammelt sich unter gewollt exzentrischen Künstlern längst vor allem viel gleichförmiger Durchschnitt. Tilman Knabe, Regisseur der Dortmunder Grimes-Inszenierung, gehört  nicht in diese Kategorie.

Beim Balzverhalten hinter den schweren Samtvorhängen des Musiktheaters, beim Wettbewerb um den besten Intendanten, den besten Dramaturgen, den besten Regisseur, wird auf den geschwellten Brüsten herumgetrommelt, lauthals krakeelt, damit sich ein Opernhausweibchen erbarmt, sie von den Früchten der Kunst naschen zu lassen.

So wird meist fehlende künstlerische Fähigkeit zu prätentiösem Gefasel. Andere verkrümeln sich dagegen in ihre eigenen Nische, die sie sich bequem eingerichtet haben und agieren gut getarnt im Stillen, reflektieren fernab der Realität. Und wieder andere schlängeln sich durchs Theatergestrüpp, ohne Rast und ohne Ziel, ohne Kopf und ohne Schwanz. Solche Wesen vegetieren vor sich hin, sie tun scheinbar nichts Gewinnbringendes für sich, geschweige denn für die Kunst.

Zu selten bekommt man es bei all der rituellen Sinnstiftung mit Regisseuren wie Tilman Knabe zu tun. Er gehört zur Künstlergattung, der ein Ruf vorauseilt. Sie erregen Aufsehen, werden zitiert, gefürchtet, geschätzt, weil sie sich abheben vom Rest der sicherheitsliebenden Theaterentourage. Zwar sind sie nicht immer einzigartig, aber allemal eigenwillig und manchmal auch schrullig. Man debattiert nicht nur über ihre Person, sondern auch über ihr künstlerisches Schaffen.

Eine Auswahl von Knabes kontroversen Inszenierungen:

Das Dortmunder Opernhaus hat sich durchgerungen, einen dieser Art gastieren zu lassen. Seit Anfang des Jahres lebt Knabe vorübergehend im Ruhrgebiet um Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ zu inszenieren. Zu erwarten ist vieles, jedenfalls kein muffiger Einheitsbrei! Seine theatralische Argumentation, wie er seine Arbeit als Musiktheaterregisseur genau beschreibt, ist überregional beachtet. Seine Inszenierungen wühlen erfahrungsgemäß das Publikum auf und speisen sich aus dem Werk, transformieren die Geschichten nicht immer in die Gegenwart, lesen die Geschehnisse jedoch aus unserer Zeit heraus.

In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte Knabe eine Aufführung von „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns an der Oper Köln. Wegen aus ihrer Sicht zu exzessiver Gewaltdarstellungen, darunter eine Massenvergewaltigungsszene, ließen sich einige Musiker laut Medienberichten zwischenzeitlich krank schreiben. Einzelne Ensemble-Mitglieder ätzten in der Lokalpresse gegen Knabe und machten den Disput zu einer medialen Schlammschlacht. Auch überregionale Feuilletons berichteten. Knabes Arbeit polarisiert:

Als „Samson et Dalila“ dann nach viel Getöse endlich über die Bühne ging, blieb der von Kultur-Deutschland erwartete Eklat aus. „Der Skandal fand nicht statt“, schrieb die Welt und auch das Deutschlandradio berichtete von einer „skandalfreien Premiere“. Die Kritiken waren überwiegend gut. Was hinter den Kulissen zu einem derartigen Konflikt führen konnte, ist bis heute nicht geklärt.

Eine Stellungnahme von Tilman Knabe zu den Ereignissen fehlt an
dieser Stelle. Ein ursprünglich erteiltes Interview wurde zurückgezogen.

Da bei Inszenierungen der letzten Jahre vor allem die orchestralen Zwischenspiele eine erhebliche Rolle spielten, ist naheliegend, dass auch Tilman Knabe sie bei seiner theatralischen Argumentation verwenden wird. Benjamin Britten gliederte vier der sechs Zwischenspielen aus „Peter Grimes“ später aus und schuf den Zyklus „Four Sea Interludes“, der häufig auf den Spielplänen von Konzerthäusern zu finden ist. Herausgerissen aus dem Zusammenhang der Oper, vernimmt das Ohr vor allem den atmosphärischen Charakter der Stücke: das Meer, die rauen Stürme und nächtliche Idyllen. Welche Spekulationen sind aber mit Blick auf die Handlung von „Peter Grimes“ möglich?

Wie Peter Grimes, Ellen, Balstrode und das Dorf in den Zwischenspielen der Dortmunder Inszenierung herumwuseln werden, wird spannend zu sehen sein. „Peter Grimes“ wird jedenfalls von verschiedenen Seiten beleuchtet, er wird sich nach Jünglingen verzehren, keinesfalls nach Männern. Die Dorfgemeinschaft wird – angelehnt an das Libretto – von einzelnen Strippenziehern getrieben sein, die wie Katalysatoren die Ängste des Mobs erst schüren und anschließend zur Explosion bringen werden. Die Ängste, Sorgen und Vorurteile der Ärmsten der Armen werden sich zum Gewaltexzess transformieren.

Das Dortmunder Publikum wurde in den letzten Jahren im überregionalen Vergleich, bis auf wenige Ausnahmen, mit wenig Extremem konfrontiert. Möglicherweise werden sich auch deshalb viele gegen die Inszenierung aufbäumen, sträuben und lautstark protestieren. Theater kann und sollte mehr sein, als reiner Schönklang. Das Theater hat eine warnende, visionäre Aufgabe. Herr Knabe liebt die Musik. Und sein Publikum liebt er mindestens ebenso innig, nur schmiert er ihm ungern Honig ums Maul. Er nimmt es ernst und will etwas in den Köpfen bewegen. Hören wir genau zu!

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Bildernachweise hier

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