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Über Grimes

Peter Grimes, der grimmige Protagonist der gleichnamigen Oper, ist keine Schöpfung Benjamin Brittens. Schon über einhundert Jahre vor der Uraufführung taucht der Fischer in einer Verserzählung des britischen Autors George Crabbe auf, die Britten als Inspirationsquelle heranzieht. Die Unterschiede zwischen Brittens Peter und dem Ur-Grimes sind gravierend  und machen deutlich, wie verbunden sich der Komponist mit dem isoliert lebenden Protagonisten fühlte.

Es ist eine Bürde, die Liebe zu verstecken! Im Sommer 1941 verkriechen sich Benjamin Britten und sein Lebensgefährte Peter Pears in Kalifornien. Sie erhoffen sich viel vom liberalen Amerika. Doch „The Listener“, eine Zeitschrift der BBC, spült die Sehnsucht in Britten herauf. In einem Artikel über den britischen Dichter George Crabbe wird ihm seine Verbundenheit zur Heimat Suffolk, seiner Westentasche an der Ostküste Englands, bewusst. Er stöbert weiter und entdeckt Crabbes „Peter Grimes“, eine Versnovelle aus der Sammlung „The Borough“ von 1810. Es ist die Geschichte des bösartigen Fischers Peter Grimes.

Schon als Junge beschimpft und prügelt Grimes seinen Vater, verschuldet wohl auch dessen Tod. Das Böse in Grimes bäumt sich weiter auf, beginnt ihn zu übermannen. 
Er wird Fischer, misshandelt seine Lehrjungen. Drei von ihnen sterben. Bis dahin haben die Bewohner des Fischerdörfchens Aldeburgh weggesehen, erst jetzt verbieten sie ihm weitere Jünglinge einzustellen. Die Dorfgemeinschaft verstößt Grimes, der sein Leben fortan einsam und abgeschieden auf seinem Boot fristet. Die Geister seiner Opfer treiben ihn in den Wahn. Grimes stirbt im Kreise der mitleidigen Gemeinschaft, doch von Reue ist bis zuletzt keine Spur.

Slater bringt Britten zum Umdenken

Benjamin Britten und Peter Pears sind sich sicher, dass Peter Grimes in ihrer Bearbeitung genauso gemeingefährlich werden muss – bis sie Montagu Slater begegnen. Der Librettist benutzt Crabbes Gedichtband lediglich als atmosphärisches Fundament und als Steinbruch für das Opernpersonal. Britten sieht von da an in Grimes, dieser Inkarnation des Bösen, eher einen Sündenbock der Gesellschaft, den die Allgemeinheit sich sucht, um allen Lug und Trug auf einen Einzelnen abwälzen zu können.

Die Dorfbewohner projizieren ihre eigenen Schandtaten auf Grimes. In der Gemeinschaft besetzt er die metaphysiche Notwendigkeit der Verfehlung, wird unabdingbarer Teil der Ökonomie des Ganzen. Slater taucht den abscheulichen Fischer in ein wärmeres Licht, Grimes wird zum Opfer einer engstirnigen Gesellschaft. Sofort sind Britten und Pears überzeugt: Ihr Grimes wird menschlich. Brittens Musik reißt Abgründe auf, aus denen die Gesellschaft unheilvoll heraus gellt. Kann Musik mehr als eine Antwort geben?

Erste These

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Egoistisch und erbärmlich! Crabbes Textvorlage skizziert einen durch und durch bösartigen Menschen ohne jegliche Moralvorstellung. Die Musik der Oper wagt den Blick ins Innere, betreibt Seelenschau. In Grimes letzter Arie „What harbour shelters peace“, kurz vor seinem Selbstmord, wechseln getragene Gesangslinien mit gehetzten Rezitativ-Teilen.
 Getrieben von den allgegenwärtigen Stimmen der Dorfbewohner, schleppt sich Grimes Stimme leidend hinauf, um dann zu resignieren. „Dolcissimo“ – süß und zart ist dieser Peter Grimes. Singt so ein rein bösartiger Mensch?

What harbour

„Peter Grimes ist ein Introvertierter, ein Künstler, ein Neurotiker. Sein eigentliches Problem ist es, sich auszudrücken, sich selbst auszudrücken“, schreibt Peter Pears in einem Brief an Benjamin Britten. Aus dem eindimensionalen Charakter wird ein verletzlicher und bemitleidenswerter, der sich nicht fügen kann und mit seiner dunklen Seite selbst im Konflikt steht. Vielmehr sehnt sich Grimes verzweifelt nach Frieden, Liebe und Schutz vor Sturm und Schrecken.

What harbour shelters peace,                                    Welcher Hafen schützt den Frieden
away from tidal waves, away from storms!       Vor den Springfluten, vor den Stürmen!
What harbour can embrace                                                Welcher Hafen kann umfangen
terrors and tragedies.                                                                   Schrecken und Tragödien.

Zweite These

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Es ist ein Schrecken! Crabbe legt schonungslos dar, was Grimes’ Lehrjunge durchleiden muss. Britten lässt in seiner Oper hingegen offen, ob der Junge wirklich misshandelt wird und was zwischen ihm und Grimes in seiner Hütte passiert. Die Phantasie des Zuhörers wird zum entscheidenden Moment: So bahnt sich jeder selbst seinen Weg durch den Nebel, mit dem uns Britten betört.

Das vierte Zwischenspiel, eine Passacaglia, gestikuliert mit ultimativer Dramatik, schrille Geigentöne schrauben sich empor, Blechbläser stampfen im Takt. Die Basslinie kreist stur um sich selbst, über ihr kristallisieren sich Variationen heraus. Ist das Besessenheit, gar ein Leidensostinato?

passacaglia

Musik packt das Unaussprechliche am Schopf, stellt es aus. In der Furcht einflößenden Passacaglia vertont Britten einen Sturm auf See, zumindest vordergründig. Möglicherweise eröffnet diese Passage aber auch die Gefühlswelt des Lehrjungen: ein rasender Sturm im Inneren. Britten notierte detaillierte Assoziationen zu diesem Zwischenspiel: „die Furcht, Depression, Einsamkeit des Jungen“, „Tränen“ oder „Grimes Drohungen“, die die Wirrungen und Irrungen der Figuren vermitteln sollen.

Dritte These

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Die Welt gerät aus ihren Fugen! In Crabbes Version taucht die Dorfgemeinschaft nur einmal auf, sie klagt Grimes an, doch der dritte Gehilfe ist bereits tot. In der Textvorlage werden die Menschen als zurückhaltendes Nebenher skizziert, keiner in Aldeburgh versucht Grimes’ verachtenswertes Wesen zu beeinflussen, vielmehr sind sie machtlos und desinteressiert.

In der Oper differenziert die Musik den Klumpen der Gemeinschaft aus und es werden neue Figuren geschaffen: Mrs. Sedley, Witwe und Hobbydetektivin, der Quacksalber und Apotheker Ned Keene oder zwei entzückende junge Damen, „die zwei Nichten“, die von ihrer Tante an die Männer im Dorf verschachert werden. Anfangs ist jede Stimme voneinander zu unterscheiden. Dann verschrenken sie sich mehr und mehr bis zum ächzenden, trunkenen Spott und Hohn. Ha, ha, ha! Das Dorf marschiert schnurstracks los, um Grimes zu vernichten, die Einzelnen sticheln sich an, laben sich am Hass.

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„Je gemeiner die Gesellschaft, desto gemeiner der Einzelne“, stellt Britten fest. In seinem Werk wird die Dorfgemeinschaft zum Motor der Vernichtung, der Grimes’ Andersartigkeit nicht akzeptieren will. Das Kollektiv entscheidet, was schwarz und was weiß ist und fällt das Urteil. Wer anders ist und die kruden Moralvorstellungen des Dorfes verachtet, wird rücksichtslos zermalmt.

Him who despises us we’ll destroy,         Den, der uns verachtet, werden wir zerstören,
we’ll destroy, we’ll destroy.                          werden wir zerstören, werden wir zerstören.

Ha, ha, ha, ha, ha!                                                                                         Ha, ha, ha, ha, ha!

Auf einen Blick

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Vor allem die Regeln des Opernschreibens sprengen die naturalistischen Züge des Textes von Crabbe auf, Grimes wird ins Nebulöse gehüllt, wirkt verletzlicher und unterliegt der Masse. Doch was wurde im großen Ganzen verändert?

Fast banal wirken Änderungen, die der Zeitgeschichte geschuldet sind. Aus den ursprünglich fünfhebigen Jamben, die sich streng am klassizistischen Programm festklammern, werden vierfüßige Reime, die sogar mitunter mit anderen Formen vermischt werden. Die Analogie liegt nahe, dass Crabbe und Britten mit ihrer Arbeit beide eine ästhetische Epochenschwelle markieren: Crabbe als der wohl letzte Vertreter des englischen Klassizismus, Britten als vielleicht letzter an der Tonalität festhaltende Komponist.

Britten gibt der Erzählung Tiefe

Zudem werden aus drei Lehrjungen, die bei Crabbe definitiv Mordopfer sind, zwei, deren Todesursache unklar bleibt. Die Handlung wird ein halbes Jahrhundert versetzt in die dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Diese dezenten Eingriffe verzahnen sich mit den größeren Einschneidungen und Veränderungen, die vom Team Britten, Pears & Slater vorgenommen werden: Während Crabbe die naturalistische Diagnose der Küstenbewohner in ihrem alltäglichen Leben als reine Zustandsschilderungen vornimmt, mit dem Ziel, das wahrhafte Bild der Armut zu zeigen, verurteilt der aus Amerika zurückgekehrte Außenseiter Britten schonungslos die gesellschaftliche Doppelmoral.

So wird aus dem antisentimentalen lyrischen Sittengemälde, das sich die Ausstellung des Status Quo zur Aufgabe  macht, bei Britten die größtmögliche psychologische Entlarvungskunst, die Einblicke in das „Wie“ der Vorgänge gibt. An die Stelle des didaktischen und niederschmetternden Realismus tritt die Demaskierung. Stirbt Grimes in der Urvorlage wohl durch eine höhere Entität, die Krankheit und Verrücktheit in ihm hervorruft, so nehmen Britten und Co. eine transzendierende Überhöhung der Hauptgestalt vor, die ihr Leben selbst beendet.

Es ist das Leitmotiv: Erlösung durch Untergang. Dies zeigt sich vor allem in der Implementierung der Frauenfigur Ellen Orford als Handelnde, die von der armen und verwitweten Lehrerin zu einer scheiternden Erlösungsfigur für Grimes wird. Sie sieht er während der kompletten Opernhandlung als einzigen Ausweg aus seiner Misere. Vor allem ist Ellen jedoch eines: etwas Unerreichbares, eine Zündschnur, die nie gezündet werden wird. Das ist pure Utopie, die Illusion eines Auswegs – denn Grimes ist dazu verurteilt, verurteilt zu sein.

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Bildernachweise hier

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